• Sibylle Schürch

"Lachen ist das Beste – bis einem die Tränen runterlaufen und der Bauch weh tut".

Portrait über Sibyl Imboden-Eckert.














Sie war der Star unserer Familie, das Zentrum, das Herz. Ich sehe sie mit meinen Kinderaugen, diese attraktive, strahlende Frau. Sie war Frau wie keine andere in unserer Familie: gutaussehend, elegant, geschminkt, beweglich, klug, unerhört stark und weiblich.

Da war dieser Wunsch, von ihr gemocht zu werden, mit ihr zu reden, an ihrem Tisch mitzuessen, mit ihr zu lachen. Man fühlte sich einfach wunderbar in ihrer Gesellschaft. Alles war gut, leicht, warm.

Viele buhlten um ihre Aufmerksamkeit, besprachen ihre Schwierigkeiten, sie schlichtete gescheit und mit sanfter Hand unzählige Familienzänkereien.

Darum musste ich nicht lange überlegen, wer das erste „Weibsbild“ sein sollte. Sibyl natürlich! Heute erkenne ich, dass sie mir in allem auch Vorbild, Wegbereiterin und Unterstützung war, und dass sie es bis heute ist. Endlich kann ich sie das fragen, was wir uns alle gefragt haben: Wie wird man Sibyl?


Meine Kindheit war wunderbar. «Man hat dich geliebt und du konntest alles machen», sagen die Brüder, die Cousins und Cousinen noch heute bei Familienfesten. «Du bist einfach durchs Leben gehüpft.» Und eigentlich war das ja auch so, nicht nur im Ballett.

Ich kam aus einer unkonventionellen Familie. Dass ich spezielle Eltern hatte, war mir schon als Kind klar. Sie waren promovierte Juristen, Annemarie und Hans Eckert-Meier. Ich würde sagen, ich hatte einen weiblichen Vater, der aber eine starke Figur war, und eine männliche Mutter, die sehr bestimmt sein konnte. Sehr klar in ihren Meinungen und engagiert. Eine Frauenrechtlerin. Manchmal wäre mir lieber gewesen, sie wäre eine einfache, unpolitische Frau gewesen, die nicht aufgefallen wäre. Es brauchte ein paar Jahre der Reifung bis ich ihr Engagement für die Sache der Frau erkannte und bewundern konnte.

Meine beiden Brüder sind fünf und neun Jahre älter als ich und verwöhnten mich mit ihren Beschützerinstinkten sehr. Sie waren wie ein Geschenk für mich. Ich fühlte mich behütet in meiner Familie, sie war ein Nährboden für vieles in meinem Leben. So durfte ich zum Beispiel schon mit vier Jahren zweimal pro Woche zum Ballettunterricht bei Lily Egeler-Roggensinger, einer Freundin der Familie. Das hat sich einfach so ergeben. Zur musischen Erziehung gehörte auch der Geigenunterricht, den ich bis zur Matur verfolgte und der mir die Grundlage für ein Musikverständnis in meinem späteren Beruf gab.

Nach vier Jahren Primarschule wurde ich nicht gefragt, was ich schulisch weitermachen wollte. Obwohl die Grundschule bei uns in Reinach eigentlich fünf Jahre dauerte, fanden meine Eltern: «Jetzt gehst du ins Gymnasium.» Das Mädchengymnasium in Basel nannte man damals den Affenkasten.


Heute wäre Sibyl Imboden eine erfolgreiche und wunderbare Kinderärztin. In den 70er Jahren aber mussten Frauen in den meisten Fällen eine schwierige Entscheidung treffen. Sibyls Klassenkameradinnen mit Karriere blieben kinderlos, wer Familie hatte, war nicht berufstätig. Sie wählte eine clevere Strategie: verzichtete auf ihren Traumberuf, und wurde eine erfolgreiche und wunderbare Unternehmerin, Ballettlehrerin und Mutter.


Ich wollte Ärztin werden. Schon immer. In der Familie nannten sie mich Frau Doktor, weil ich immer mein Köfferchen mit Pflastern griffbereit hatte, für den Fall, dass meine Hilfe vonnöten sein könnte. Ich verstand das früh als Berufung und habe gar nie überlegt, was ich sonst machen könnte. Um auf das Medizinstudium vorbereitet zu sein, habe ich die Griechisch Matur gemacht. Ich musste dafür nie besonders viel arbeiten und fand alles andere lässiger. Freundinnen und Freunde. Es war eine tolle Jugendzeit.

Mit dem Studium begann dann der Ernst des Lebens. Die Naturwissenschaften lagen mir gar nicht und ich fiel durchs erste Examen. Mein künftiger Mann Dieter gab mir Nachhilfe in Physik. Mir war bewusst: Wenn ich durchs Propädeutikum falle und diesen Physiker heiraten und mit ihm Kinder haben will, dann werde ich nie als Ärztin arbeiten. Und dass ich Kinder haben wollte, das war mir schon immer klar.

Im Mai 1968 heirateten Dieter und ich, und ich sah eine berufliche Zukunft als Praxishilfe vor mir. Gleichzeitig fing ich wieder an mit Ballett.

Meine damalige Lehrerin redete mir die Stunden aber aus uns sagte: «Das hat doch keinen Sinn mehr. Mach selber etwas, werde selber Tanzlehrerin.» Genau das brauchte ich! Jemanden, der mir sagte: «Du kannst das. Es gibt einen anderen Weg.» Allerdings gab es in der Schweiz damals keine Ausbildung zur Tanzpädagogin.

Eine Tanzlehrerin in Männedorf am Zürichsee war offen und interessiert und nahm mich in ihre Ballettschule auf. Sie sorgte dafür, dass ich eine gute Pädagogen-Ausbildung erhielt nach dem System der Royal Academy of Dance. Ich unterrichtete in ihrer Schule, machte das Fernstudium und besuchte im Sommer die Kurse in London. Die Prüfung konnte ich dann in der Schweiz ablegen.


Kurz vor meiner Geburt heiratete mein Onkel Dieter seine Sibyl. Sie war immer schon da. Einer der schönsten Orte meiner Kindheit war das Haus in Küsnacht: der Sattelgrund. Es war einiges ungewöhnlich, faszinierend anders. Da wohnten noch andere Leute. Der Ballettsaal. Der Kühlschrank – an den jemand mal einen Zettel klebte: kulinarischer Erlebnispark.


Das ganz grosse Glück aber war unser Haus in Küsnacht: dass ich im Untergeschoss, das auf den Garten hinausging, meine Ballettschule unterbringen konnte. Als ich zum ersten Mal als Besucherin in dem Haus war, wohnte darin der frühere Zürcher Opernhausdirektor, es war ein herrschaftliches Ambiente, mit schweren Samtvorhängen und im Badezimmer hatte es Meerschweinchen. Aber eigentlich war es das Haus von Dieters Grosseltern.


Das Paar Sibyl und Dieter konnte keine Kinder bekommen. Statt an dieser Situation zu verzweifeln, suchten sie nach einem anderen Weg, eine Familie zu gründen. Es ergab sich, dass sie ihre Kinder in Mexiko fanden und adoptieren konnten. Zweimal kamen sie von einer langen Reise in Zürich Flughafen mit einem kleinen Bündel an, von der Familie sehnsüchtig erwartet. Ich meinte einige Zeit, dass meine Cousine und mein Cousin quasi am Flughafen Kloten zur Welt gekommen sind.



Da waren wir also – ein Paar mit Kind und einer Ballettschule. Nie hätten wir die Miete allein bezahlen können. Nun mussten wir Leute finden, die mit uns in diesem grossen Haus wohnten. Wir stellten uns eine Art Familien WG in den unteren zwei Stockwerken vor, die als Hausgemeinschaft mit der separaten Wohnung im obersten Stockwerk lebte. Die Idee war, dass man sich gegenseitig mit den Kindern helfen konnte. Das wollten wir ausprobieren.

Zwei Jahre lang lebten drei Familien mit je einem Kind unter einem Dach. Dass dann eine Familie auszog, passte gut, denn bei uns anderen zwei kam noch je ein Kind dazu. Obwohl Dieter mich unterstützte, so gut er neben seiner Arbeit konnte, brauchten wir nun Hilfe von Aussen.

«Gesucht für Familie mit kleinen Kindern und Hund». Auf das Inserat meldete sich prompt ein junger Mann. Mir fiel fast der Telefonhörer aus der Hand. «Es isch e Maa», flüsterte ich Dieter zu. «Dann sag ihm, er soll vorbeikommen», sagte er. Und so wurde Raphael die Perle unseres Haushalts. Wir hatten ein riesiges Glück mit ihm. Er arbeitete im Haushalt und spielte mit den Kindern, es war die ideale Lösung. Nur die Nachbarn waren etwas irritiert, dass ein fremder Mann mit unseren Kindern spazieren ging.


Wir war mir lange nicht klar, wie aussergewöhnlich in dieser Zeit die Wohnform von Tante, Onkel und Familie war. Dass eine Familie ohne politisches Ziel, aus lauter Pragmatismus diese Form wählte, wird in Küsnacht für Gerede gesorgt haben. Angesprochen wurden sie nie darauf. Als es Probleme gab, reagierte Sibyl wie immer professionell, für die Zeit unkonventionell.


Irgendwann stiess dann auch unsere Hausgemeinschaft an Grenzen, es ging um Eifersucht unter den Kindern. Wir entschieden uns für eine Familientherapie – eine Zweifamilientherapie. Alle acht gingen wir zu zwei Therapeuten, einer Frau und einem Mann, erst die Frauen, dann die Männer, das war sehr anspruchsvoll. Am Ende trennten wir uns dann doch, aber die Freundschaft besteht immer noch.


Oben die Familie, unten das Business. Mit einer Ballettschule in Küsnacht lag Sibyl goldrichtig. Was ihr gelang, ist nichts weniger als eine Leidenschaft zum Beruf zu machen und Unternehmerin werden. Eine berufliche Situation, die Homeoffice und Inhouse Kinderbetreuung ermöglichte.





Ich konnte Hausfrau und Mutter zweier kleiner Kinder sein und gleichzeitig meine eigene Ballettschule aufbauen. Mit 140 Schülerinnen und Schülern, zwei Lehrerinnen und zwei Pianisten war das schon ein kleines KMU, das ich im zur Ballettschule umgebauten Untergeschoss unseres Hauses führte. In meiner intensivsten Zeit unterrichtete ich 24 Lektionen pro Woche.

Als ich zwischen 30 und 45 Jahre alt war, lief die Ballettschule sehr gut und wuchs und wuchs. Gerade als die Kinder noch klein waren, war die Belastung enorm. Dieter kam jeweils um sechs am Abend nach Hause und übernahm die müden Kinder, damit ich unterrichten konnte.

Da gelangte ich manchmal an meine physischen Grenzen. Ich führte zu dieser Zeit auch das Sekretariat des Ballettlehrerverbands und organisierte Ballettseminare. Manchmal wurde ich am Morgen fast nicht wach, weil ich zu wenig schlief. Immerhin hatte ich als Lehrerin genug Ferien. Auch Dieter nahm das ernst und bezog regelmässig Ferien.

Bei allem Auf und Ab ist das Wichtigste und Beste immer das Lachen. Lachen, bis einem die Tränen runterlaufen und der Bauch weh tut. Ich war immer ein fröhlicher Mensch, das ist so geblieben. Dieter ist ausserordentlich witzig und fantasievoll, und die Kinder konnten lachen, bis alles wackelte. Wir waren eine lustige Familie.


Und dann waren die Kinder gross und zogen aus. Für das Ehepaar war das keine Krise, sondern der Beginn von neuen Aktivitäten. Wieder wählte Sibyl einen unerwarteten Weg: sie wünschte sich mehr Freiräume und wollte ihrem Körper Sorge tragen. Sie trat am Zenit ihres Erfolges zurück, übergab ihre Ballettschule ihrer Assistentin und wendete sich Neuem zu. Das Neue hiess Einsatz für andere Menschen, Ehrenamt, neues Territorium:

Als erstes startete sie einen wöchentlichen Mittagstisch für Schulkinder: in der Nachbarschaft einen Zettel verteilen und loslegen. Oder sie wurde aktiv für das kulturelle Projekt, die «Chrottegrotte»: Eine Gruppe von jungen Leuten organisierte in einem Lokal der Gemeinde eine monatliche Bar, wo es Cabaret, Musik, Lesungen und sogar Tanz gab. Sie begann in der Caféteria im lokalen Altersheim zu arbeiten, und absolvierte mit dem Familienhund eine Therapieausbildung. Während zehn Jahren gingen sie und ihr Hund die Menschen im Altersheim besuchen.


Und dann gibt es natürlich das Café International, ein Flüchtlingskaffi, wo ich immer noch mitmache. Da schliesst sich der Kreis zu meiner Kindheit. Mein Vater hat sich als Anwalt für Flüchtlinge engagiert und viele von diesen gingen bei uns ein und aus oder wohnten auch bei uns. Meine Mutter hat sie wie selbstverständlich in die Familie integriert, bis sie dann manchmal genug hatte und sagte: «Jetzt reicht's. Jetzt kommt auch wieder einmal die Familie dran.» Mein Vater hatte ein sehr grosses Herz und ich denke, er hat mir viel davon vererbt.

Wenn man eine gewisse Stärke hat und Interesse, vor allem Interesse an den Menschen, dann kann man viel auf sich nehmen und vieles erreichen. Erst recht, wenn man merkt, dass auch viel zurückkommt. Dann ist fast alles möglich.


Es kam noch mehr: die Schifffahrt. Bereits in den 80ern begann sie mit der Familie auf Kanälen herum zu schippern. Dann nutzte sie ein Sabbatical von Dieter für eine sieben Monate dauernde Fahrt durch ganz Europa. Sie starteten als Ferienleute, und kamen zurück als Schifffahrt-Profis. Unvergesslich ist der Moment, als das Paar mit ihrem Schiff durch Basel fuhr. Ich stand auf der Wettsteinbrücke, winkte wie verrückt, stolz, liess die Tränen laufen, so mitreissend war der Moment.


Ich machte mich heimlich im Internet auf die Suche nach einem geeigneteren Boot. Wir haben gemeinsam mit einem befreundeten Paar ein Schiff gekauft, das wir zwölf Jahre lang besassen, und damit viele Binnengewässer, Flüsse und Kanäle in ganz Europa bereist, unzählige grosse und kleine Schleusen durchlaufen. Die Schifffahrt, diese Teamarbeit, war etwas vom Erfüllendsten, was Dieter und ich erlebten. Das geht nur, wenn man es gemeinsam anpackt. Da gibt es öfter heikle Situationen, man muss klare Anweisungen geben und empfangen und sich absolut vertrauen können. Die vielen bestandenen Situationen und Erlebnisse gaben die Gewissheit: Wir können das als Paar. So sind wird durch ganz Europa gefahren. Das erleichterte auch den Abschied vom Berufsleben. Aber man muss topfit sein dafür. Darum haben wir das Schiff jetzt verkauft. Per Handschlag, mit allem, was drin ist.


Heute ist Sibyl Mitte 70. Gerade sind sie und Dieter ein paar Wochen lang durch den Westen der USA gereist, und am Telefon sagt sie: „zuerst dachte ich, das ist etwas übertrieben, aber es war wunderbar.“ Es sind Momente, die Fragilität zeigen. Wir sprechen übers Älter werden, die Zukunft, wir spüren die Schwere, die früher nicht da war. Die gemeinsame Zeit wird kostbarer. Es wird passieren, was vielmals geschieht: die Generationen tauschen allmählich die Rollen, wir „Jungen“ werden auch zur Stütze der älteren Generation, obwohl wir zweifeln, ob wir das so gut können wie sie. Es ist schön zu wissen, dass wir die Chance haben, Sibyl einen Teil von dem zurückzugeben, was sie uns geschenkt hat.


Jetzt kommt wohl langsam der schwierigste Teil unserer Gemeinschaft. Wir haben grosses Glück, dass wir mit Mitte siebzig immer noch beide da sind und einigermassen gesund. Natürlich reden wir darüber, wie es weitergeht. Was machen wir, wenn? Auf Alter und Tod ist man nicht vorbereitet. Aber man war ja auch nicht darauf vorbereitet, dass man erwachsen werden würde. Oder Kinder hat.

Eigentlich ist man nie vorbereitet. Alles ist immer neu. Nur ging es früher aufwärts und jetzt geht es leise und unaufhaltsam bergab. Wenn wir das akzeptieren und als Bestandteil des Lebens annehmen können, dann wird auch dieser Abschnitt erfüllt sein.

Am allerwichtigsten ist die Gesundheit. Und so lange wir können, geniessen wir das Zusammensein in der Familie und mit Freunden. Wenn man sich auf die Nähe von lieben Menschen verlassen kann, gibt das viel Stärke und Freude. Dann kann man immer noch unendlich viel gemeinsam lachen.


Geboren: 15. März 1945 in Basel, wohnt in Küsnacht (ZH)

Eltern/Geschwister: Annemarie und Hans Eckert-Meier (Eltern); Felix und Lukas Eckert (Brüder), Familie: Dieter Imboden; Lorenz und Salomé Imboden (Kinder)

Beruf: Eigentümerin einer Ballettschule, dipl. Ballettlehrerin


153 Ansichten

©2019 Weibsbilder. Erstellt mit Wix.com